Interview

Interviewerin: Lilian Zamorano, du bist Brasilianerin und lebst seit 15 Jahren hier in Deutschland. Und du bist Musikerin – was machst du genau?

Lilian:

Ich habe in Brasilien Dirigat studiert und bin Chorleiterin und Musikdozentin. Und beides macht mir riesigen Spaß!

I: Wo bist du als Chorleiterin tätig?

L: Ich bin Chorleiterin von drei Chören in München: von „Cantares“, dem Jazz-Ensemble „catchatune“ und dem sog. „Dienstagschor“. Cantares interpretiert brasilianische Musik, catchatune singt Jazz und Swing – a cappella, aber auch mit Klavier-, Trio-, oder Bandbegleitung. Der Dienstagschor singt alles – von Klassik über Pop bis Jazz.

I: Was genau ist die Aufgabe einer Chorleiterin?

L: Natürlich ist das Wichtigste die Musik! Meine Aufgabe als Chorleiterin und Künstlerin ist es, meine Sängerinnen und Sänger auf dem Weg zu einem immer intensiveren, gemeinsamen musikalischen Erleben zu begleiten. Ich möchte einen Chor inspirieren, Musik umfassender, zu verstehen, zu erfahren und umzusetzen. Man kann ja den Charakter eines Stückes auf ganz verschiedenen Ebenen erfassen: Wer hat es komponiert und in welchem kulturellen Kontext stehen Musik und Text? Wie sind Stil und Struktur, welchen Groove hat oder verlangt das Stück …

Damit das gelingen kann, braucht es viel Liebe zur Musik und Erfahrung – außerdem ein großes, sicheres Repertoire und gleichzeitig Experimentierfreudigkeit im Hinblick auf neue Stücke.

Neben der künstlerischen Seite gibt es dann noch die pädagogische. Mir ist es wichtig, dass ich meine Chöre und Workshopteilnehmer motiviere, ihre Stimme, ihr Gehör, ihr Rhythmusgefühl weiterzuentwickeln, um noch mehr Freude am Singen zu haben.

I: Welche Rolle spielt das Zwischenmenschliche?

L: Ein Chor ist ja auch eine „Gruppe“. Das Soziale spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Menschen sind mehr als nur Klangkörper, die optimiert werden können. Jeder Chor ist so individuell wie seine Mitglieder und hat seine eigene Dynamik und Energie, seine eigene „Persönlichkeit“. Darauf sollte man als Leitung mit Fingerspitzengefühl eingehen können. Es ist toll, wenn das gelingt – denn ein Chor klingt natürlich noch besser, wenn die „Stimmung“ im doppelten Sinne gut ist, es also nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich harmoniert, wenn die Mitglieder Freude am Singen und auch am Miteinander haben. Die Unterstützung einzelner ist dabei genauso wichtig, wie die Entwicklung des gesamten Chores. Das geht nur mit musikalischer Kompetenz und einem gewissen Maß an emotionaler Intelligenz (zwinkert).

I: Das klingt sehr nach Multitasking …

L: Ich habe mal etwas ziemlich Passendes zu diesem Thema gelesen – das Zitat stammt von einem Helmut Lukesch aus dem Jahr 1976: „Mit Recht wünscht man dem Lehrer die Gesundheit und Kraft eines Germanen, den Scharfsinn eines Lessing, das Gemüt eines Hebel, die Begeisterung eines Pestalozzi, die Wahrheit eines Tillich, die Beredsamkeit eines Salzmann, die Kenntnis eines Leibniz, die Weisheit eines Sokrates, die Liebe Jesu Christi.“

Also, ich gebe mir alle Mühe!

I: Und dann muss das Ganze ja auch noch organisiert werden, oder?

L: Genau. Eine dritte Aufgabe ist die Organisation der „Infrastruktur“ des Chores – von Proben, Terminen, Konzerten, Aufnahmen … Ich habe zum Glück viele engagierte Sängerinnen und Sänger, die mir enorm helfen. Ohne sie würde ich es ganz sicher nicht schaffen, mit drei Chören parallel zu arbeiten.

I: Und trotzdem hast du noch Zeit, Workshops zu geben!

L: Ich finde die Zeit, weil ich es einfach auch sehr gerne mache. Es ist mir wichtig, dass ich meine brasilianische Musik Kollegen in Deutschland anbiete. Es gibt immer wieder deutsche Chöre, die ein großes Interesse daran haben, irgendwann ein brasilianisches Repertoire zu singen. Sie haben aber Schwierigkeiten, die geeignete Literatur zu finden, und diese authentisch zu interpretieren.

I: Wie funktioniert dann diese Zusammenarbeit?

L: Als Erstes kontaktiert mich der Leiter des Chores und wir wählen zusammen ein Repertoire aus. Ich habe ein großes Notenarchiv an brasilianischen Partituren und weiß auch, wo man dieses Material finden kann. Außerdem habe ich Kontakt zu Komponisten und Arrangeuren aus Brasilien, die auch gerne mit deutschen Chören zusammenarbeiten.

Wenn das Repertoire dann ausgewählt ist, bereite ich Übungsmaterial für den Chor vor und berate den Dirigenten im Hinblick auf Klangvorstellungen, Interpretationsmöglichkeiten, stilistische Feinheiten. Das Übungsmaterial erhalten die Chöre in einer portugiesisch-deutschen Übersetzung, mit Text- und Rhythmus-Aufnahmen, damit eine gute Aussprache und besondere, ungewohnte und anspruchsvolle Rhythmen möglichst authentisch erarbeitet werden können.

Wenn der Chor das Repertoire dann erarbeitet hat, besuche ich eine Probe und gebe einen kleinen Workshop für den ganzen Chor. Jetzt geht es um die Feinheiten und Besonderheiten, die Liebe zum Detail …

I: Und deine Arbeit als Musikdozentin im Bereich Rhythmik?

L: Die Deutschen sagen, dass ich eigentlich Samba-Tänzerin sein sollte (lacht) – ich hoffe, das liest jetzt keine Samba-Profitänzerin …!

Musik zu machen oder zu hören, ohne mich zu bewegen, ist für mich fast unmöglich. In Brasilien spüren die Menschen den Rhythmus immer gleich direkt im Körper und erlauben sich auch, sich jederzeit dazu zu bewegen. Für uns hat alles Rhythmus. Wenn ich laufe, wenn ich gehe, einen Pulsschlag spüre … dann mache ich schon automatisch einen Rhythmus dazu – ich schnipse, klatsche mir auf die Beine, benutze meine Stimme oder pfeife eine Melodie. Sogar wenn ich schwimme, passiert das automatisch – in mir entsteht durch den Rhythmus der Bewegung ein Groove …

I: Wie kann man das lernen?

L: Man muss die Verbindung zwischen Geist und Körper herstellen. Deswegen hat rhythmisches Arbeiten sehr mit Körper zu tun. In meinen Workshops machen wir zuerst viele Bewegungsübungen – alles sehr spielerisch. Wir lernen ein bisschen Body Percussion, wir gehen und bewegen den Körper bewusst rhythmisch, wir spielen zu zweit, zu dritt mit rhythmischen Elementen und versuchen, die Kanäle zu öffnen, die Kopf und Körper verbinden. Das macht wirklich viel Spaß, es ist leicht und lustig.

Viele von uns haben Rhythmus wie Mathematik gelernt. Aber Rhythmik ist viel mehr als Mathematik: Den Pulsschlag zu spüren, dem Körper Raum zu geben, den Rhythmus in Körperaktion und Stimmimpulse umzusetzen, ist viel mehr -und näher am „ganzen“ Menschen.

Anschließend arbeiten wir dann an dem Stück, das der Chor oder die Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer ausgewählt haben und vertiefen möchten. Ein Song kann schon ganz anders klingen nach einer solchen körperlichen Erfahrung! Es gibt immer Aspekte eines Stückes, die wir mental, aber auch mit dem Körper “verstehen” müssen. Es ist ein wunderbares Erlebnis, wenn das gelingt – das Stück klingt dann viel lebendiger, frischer, sicherer, kompakter, energetischer, voller und schöner!

I: Das ist ja eine ganz schöne „Positivliste“ – kein Wunder, dass dir deine Arbeit Spaß macht! Verrätst du uns zum Schluss noch, welches Stück aus deinem brasilianischen Repertoire dein persönlicher Liebling ist?

L: Also ein Lieblingsstück in dem Sinne gibt es nicht, eigentlich höre ich alles gerne! Aber ich habe so etwas wie den „Song des Tages“ oder den „aktuellen Song“! In meinem Studio, direkt neben mein Klavier, gibt es eine kleine Magnettafel, an der die Noten, der Text, vielleicht ein Foto der Musikerin oder des Musikers eines Stückes hängen, das mir gerade am Herzen liegt. Das kann ein alter Jazzstandard sein, den mir jemand empfohlen hat, eine neue Komposition aus Brasilien, ein Stück, das mir irgendwo begegnet ist und mich angesprochen hat …

Das ist, als hätte ich immer wieder neue musikalische Gäste an meinem Arbeitsplatz – und sehr inspirierend!

I: Eine klasse Idee – das muss ich auch mal versuchen!
Vielen Dank für das informative, lebendige Interview, Lilian.

L: Danke auch – und vielleicht bis zum nächsten Cantares- oder catchatune Konzert (22.10.16 bzw. 16.10.16 im Gasteig) !

lilian